»verhältnismässig gut« – wie in der Schweiz Probleme unsichtbar gemacht werden

Gestern habe ich mit einer Klasse »Bullestress« gesehen – ein Stück über Rassismus und Polizeigewalt in der Schweiz. Geblieben ist mir besonders eine Einsicht, eine schweizerische Eigenart, Probleme unsichtbar zu machen.

Wie sie funktioniert, kann ich an verschiedenen Überzeugungen zeigen, die ich erst in den letzten Jahren aufgegeben habe. Zum Beispiel die Vorstellung, dass Stipendien und Sozialhilfe es allen Jugendlichen möglich machen, in der Schweiz zu studieren. Die Überzeugung entsteht deshalb, weil das Schweizer Bildungssystem »verhältnismässig gut« ist – niemand beendet ein Studium mit massiven Schulden. Trotzdem zahlen einige Kantone kaum Stipendien aus und fordern Sozialhilfe später zurück – so dass Menschen aus armen Familien nur studieren können, wenn sie gleichzeitig arbeiten und Schulden machen.

Ein anderes Beispiel ist Schweizerdeutsch, die Sammlung an Dialekten, die in der Deutschschweiz gesprochen werden. Lange Zeit fand ich die Sprachen harmlos, die Diskussionen lustig, wo man jetzt korrekterweise »Zwieble« oder »Bölle« sagt zu Zwiebeln. Im letzten Jahr wurde mir bewusst, dass Kinder und Jugendliche, die nicht Dialekt sprechen, das als Ausschluss erfahren. Sie schaffen es oft nicht, sozialen Kontakt zu anderen herzustellen, solange sie nicht Dialekt sprechen. Diese Ausschlussmechanismen bestehen auch zwischen Erwachsenen. Auch hier funktioniert die Schweiz »verhältnismässig gut«: Niemand darf seine Erstsprache nicht sprechen. Und doch gibt es einen subtilen Zwang, Dialekt zu sprechen.

Ich könnte jetzt Probleme aufzählen, die in der Schweiz ignoriert werden, weil sie nicht ganz so schlimm sind wie in anderen Ländern (oder man sich das einredet). Probleme werden wegverglichen, die Schweiz erscheint so als Ausnahmeerscheinung. Wem’s hier nicht passt, kann ja dorthin gehen, wo die Probleme offenbar größer sind. Wer die Probleme anspricht, beschmutzt das schöne Nest, das es hier gibt; macht die Stimmung kaputt.

Im Stück sagte eine Figur sinngemäss:

Warum haben wir so wenig Phantasie, wenn es darum geht, die Welt zu verbessern – und so viel, wenn wir uns einreden, sie sei gut so, wie sie ist?

Das gilt nicht nur für Phantasie, sondern auch für die Energie, den Mut und die Aufmerksamkeit: Mit etwas Aufwand, Anstrengung und Zivilcourage könnten viele Probleme zumindest etwas abgeschwächt werden. Stattdessen fließt das Engagement in Ausflüchte, in Ablenkungen. »verhältnismässig gut« reicht für die Menschen, die unter den Verhältnissen leiden, schlicht nicht.

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Philippe Wampfler

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