Die Handschlag-Debatte entwirrt

An der Sekundarschule im basellandschaftlichen Therwil wollten zwei muslimische Schüler ihrer Lehrerin nicht mehr die Hand geben. Die Schulleitung gab nach und dispensierte die beiden vom Händedruck am Anfang und Schluss des Unterrichts. Der Dispens wird inzwischen in der ganzen Schweiz kontrovers diskutiert.
Nun meldet sich Justizministerin Simonetta Sommaruga dazu zu Wort: «Dass ein Kind der Lehrperson die Hand nicht gibt, das geht nicht.» Der Handschlag sei Teil unserer Kultur, gehöre zum Alltag in unserem Land. «So stelle ich mir Integration nicht vor, auch unter dem Titel Religionsfreiheit kann man das nicht akzeptieren», sagt die Bundesrätin. (SRF)

Wie bereits beim Fall eines Fussballers aus den Niederlanden nehme ich auch hier eine andere Position ein. Das stößt auf so viel Unverständnis, dass ich die mir wichtigen Zusammenhänge kurz aufzeigen möchte.

Die breit geteilte Haltung ist folgende: Die Schüler verletzen nicht nur kulturelle Normen, sondern sie diskriminieren dadurch auch ihre Lehrerin. Sie stehen unter dem Einfluss fundamentalistischer Muslime (einer davon hat per Interview Stellung genommen), deren Forderungen man nicht nachgeben darf, wenn einem die westlichen Werte etwas bedeuten.

Gesslerhut. Stahlstich von Christian Hoffmeister (1818–1871)

Dagegen möchte ich eine Reihe von Einwänden vorbringen, die meine Haltung erklären — und dann abschließend darlegen, wie ich als Schule das Problem lösen würde.

  1. Grüßen als Norm
    Der Tell-Mythos gründet auf dem Widerstand gegen den Zwang, den Hut eines Machthabers grüßen zu müssen. Eine leere Geste wird symbolisch zum Merkmal der Tyrannei, aus deren Widerstand viele das Selbstverständnis der Schweiz ableiten. Der Händedruck als »Teil unserer Kultur«, wie Frau Sommaruga das formuliert, muss eine zwischenmenschliche Bedeutung haben. Als leere Norm ist er untauglich dafür, Werte zu repräsentieren.

Was also würde ich tun, wäre ich Lehrer oder Schulleiter in Therwil? Ich würde das zu einem großen Thema machen. Die Lernenden darüber diskutieren lassen, es ihnen ermöglichen, eine eigenes Urteil zu finden. Über Normen, Geschlechterrollen, Religionsfreiheit informieren und nachdenken. Und mit den beiden Schülern eine Lösung finden, welche die pädagogische Funktion des Händedrucks (Verbindlichkeit schaffen, Beziehung aktualisieren, Wahrnehmung für einander aufbauen etc.) zulässt, ohne die religiösen Gebote und die Möglichkeiten der Lehrerin zu verletzen. Das hat der Schulleiter, Jürg Lauener, auch gemacht: Die beiden Schüler verwenden gegenüber allen Lehrkräften unabhängig vom Geschlecht eine »höfliche Begrüßung ohne Körperkontakt«. Eigentlich erstaunlich, dass eine umsichtige Maßnahme eine derart heftige Reaktion in der Schweiz hervorruft.

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