Zwischen 15 und 35 habe ich viel gelesen und viel darüber gelernt, was gute Literatur ist.

Bei der Durchsicht des Bücherregals wird mir heute bewusst, wie einseitig dieses Lesen und dieses Lernen war. Die Perspektive arrivierter Männer bestimmte, was Kunst, was eine theoretische Einsicht, was lesenswert und diskussionswürdig war.

War mir linguistisch seit dem Studium völlig klar, dass Sprachnormen oft eine Perspektive abbilden, die geprägt ist von Machtverhältnissen – so war mir bis vor ein paar Jahren die Erkenntnis nicht zugänglich, dass das in der Literatur genauso ist.

Für ein mittlerweile abgebrochenes Dissertationsprojekt habe ich mich mit den Texten von Sebald auseinandergesetzt. Sebald entwirft Netze von Referenzen – meist zu weißen Männern. Er schreibt über Außenseiter, über Menschen, die einsam sind, am Leben leiden – sich damit aber denkerisch und künstlerisch auseinandersetzen, wie er es tut. Aber weshalb fehlen da die Perspektiven von anderen Menschen? Weshalb kann ein so sensibler Autor nicht wahrnehmen, wie eng seine Weltsicht ist? …

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Philippe Wampfler

Denkt gerne nach: Über Schule, Kultur, Medien, Politik und Gender. Und alles andere. phwa.ch & schulesocialmedia.com

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